Tagebuch einer Reise nach Jerusalem, Bethlehem, Beit Sahour



Freitag. 22. Dezember 2006.

Die Vorbereitung auf ein Reiseerlebnis gilt oft als das Schönste des ganzen Unternehmens. Das lässt sich in diesem Fall nicht sagen, obwohl das rein Organisatorische bisher reibungslos verlief. Die mentale Vorbereitung lässt sehr zu wünschen übrig. Kommt keine Freude auf bei dem Gedanken, am 24. Dezember in Bethlehem sein zu können? Schaut man dem Wiedersehen nach knapp drei Jahren mit Menschen in Beit Sahour nicht freudig-gespannt entgegen? Doch, doch! Dann ist es also die Furcht, das Unternehmen könnte noch an der israelischen Sperrmauer zwischen Jerusalem und Bethlehem scheitern, was auf das Gemüt drückt? Auch nicht, denn die Mauer wird am Weihnachtstag wahrscheinlich leicht zu passieren sein – jedenfalls von Ausländern mit europäischem Habitus. Nein, bedrückend ist, dass in Europa stets das Existenzrecht Israels beschworen wird, während akut das Existenzrecht des palästinensischen Volkes auf dem Spiel steht.

Es sind jetzt über 50 Jahre vergangen, seit ich das Ziel der bevorstehenden Reise, Bethlehem/Beit Sahour zum ersten Mal besucht habe. Seither hat sich das Leben der palästinensischen Menschen, jedenfalls der Masse, von Generation zu Generation um keinen Deut verbessert, immer nur verschlechtert. Im Juni 2007 wird es vierzig Jahre her sein, seit die Menschen im West-Jordanland unter israelische Besatzung gerieten. Vierzig Jahre Besatzungsregime! Wen wundert es wirklich, dass diese Menschen bei den Parlamentswahlen Anfang 2006 (auf ihren demokratischen Verlauf von der Europäischen Union geprüft und für gut befunden) die radikalsten Gegner der Besatzungsmacht wählten? Außerdem ging es den Wählern nicht nur darum, den Israelis zu trotzen. Hamas, die mit großer Mehrheit ausgestattete Bewegung, predigt nicht nur den Kampf gegen Israel, sondern unterhält ein soziales Netzwerk für die Ärmsten der Armen, denen der Staat nicht helfen kann, weil es keinen palästinensischen Staat gibt.

Im Zeichen des US-amerikanischen „Krieges gegen den Terror“ wurde Hamas insgesamt zur Terrororganisation erklärt und die von ihr gebildete Regierung unter Finanzboykott gestellt. Das förderte die weitere Verelendung der Menschen vor allem im Gazastreifen, jedoch auch im Westjordanland. Die Palästinensische Autonomiebehörde, weitgehend noch ein Apparat der rivalisierenden Fatah, steht infolge des Finanzboykotts kurz vor dem Zusammenbruch. Jetzt will man anscheinend den ebenfalls demokratisch gewählten Präsidenten der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, für Neuwahlen aufrüsten, damit eventuell ein dem Westen und Israel genehmeres Wahlergebnis zustande kommt. Hamas wehrt sich. „Die Kämpfe sind Vorboten eines Bürgerkrieges“, zitiert heute die SZ den im Westen wohlgelittenen Chefunterhändler der Palästinenser, Saeb Erekat. Man könnte also Zeuge eines beginnenden Bürgerkrieges werden. Das drückt aufs Gemüt!

Samstag, 23.12.06

Aufbruch also in aller Herrgottsfrühe. Um 4 Uhr 50 steht das Taxi vor der Tür. Aus einem nahegelegenen Hotel schnell den dritten Mitreisenden abgeholt – und schon geht es durch die fast autofreie Stadt, dann über die ebenfalls fast leere Autobahn in Richtung Düsseldorf Flughafen. Das Ergebnis: wir sind noch früher als die angemahnten drei Stunden vor Abflug an Ort und Stelle. Um 6 Uhr öffnet der Schalter, die Prozedur beginnt. Zunächst keine Besonderheiten. Doch dann die Sicherheitskontrolle durch Beauftragte eines privaten Unternehmens! Die meisten Abläufe kennt man ja schon: Alle Jacken ausziehen, Schlüsselbund und Euromünzen raus aus den Hosentaschen. Wenn die Kontrollapparate immer noch quietschen und pfeifen, auch den Gürtel mit der Metallschnalle ablegen. Wer Blechknöpfe am Hosenbund hat, müsste eigentlich in Unterhosen durch das Wächtertor gehen. Das Personal hat jedoch ein Einsehen – es tastet den Hosenbund ab und lässt dann passieren. Ein wirklich winziges Fläschchen Medizin, Ediths Rettungsanker als Blutstiller im Falle einer Verletzung, muss allerdings im durchsichtigen Plastikbeutel getragen werden. 6 Uhr 30, jetzt noch zwei Stunden Wartezeit. Sicherheit muss sein, im Interesse aller und auch der eigenen!

Doch soooviel Sicherheit - muss das wirklich sein? Die ganze Prozedur wiederholt sich vor dem Eintritt in den Bereich der Flugsteige. Gewiss, man fliegt nach Tel Aviv und bewegt sich damit in derselben Gefahrenstufe, die für Flüge in die USA gilt. Seufzend wieder halb ausziehen, Taschen entleeren und Gürtel ablegen. Diesmal heißt es zusätzlich: Schuhe aus! Ach ja, da gab es ja mal diesen potentiellen Attentäter, der Sprengstoff im Schuhabsatz versteckt hatte. Also ohne Murren Schuhe aus! Aber wieso jetzt noch Füße rückwärts hoch wie das Pferd beim Hufschmied? Ist es möglich, Sprengstoff zwischen nackter Fußsohle und Strumpf zu verstecken? Zweifel sind angebracht, sollten aber besser nicht geäußert werden. Denn: Sicherheit an erster Stelle. Nachdem auch diese Prozedur überstanden ist, bleiben noch 90 Minuten bis zum Abflug. Welches Ausmaß werden erst die Sicherheitskontrollen in Tel Aviv annehmen?

Knapp fünf Stunden später Überraschung. Die Einreise nach Israel verläuft völlig reibungslos innerhalb von 20 Minuten. Oberbekleidung, das Handgepäck und der Koffer bleiben ohne Kontrolle. Kein Koffer- und kein Taschen-Öffnen. Danach eine kurze Befragung: Zweck der Reise und wohin in Israel? Selbst die Erwähnung von Bethlehem im besetzten Palästina bewirkt kein Verhör. Weihnachtsbonus! Etwa zwei Stunden nach der Ankunft in Tel Aviv steigt man in Jerusalem am Jaffa-Tor aus dem Sammeltaxi und schleift den Rollkoffer über die zahlreichen Abstufungen und Treppen des Weges durch den noch sehr belebten Suq (Markt) in Richtung Lutherisches Gästehaus.

Sonntag, 24.12.06

Das Gästehaus der Evangelischen Propstei hatte mir ja schon vor 1967 gelegentlich preiswertes, gutes Quartier geboten. Heiß waren die Sommer in Kairo gewesen. Weil der als „freier Mitarbeiter“ beschäftigte Korrespondent sich meistens keinen –unbezahlten- Sommerurlaub leisten konnte, zogen er und Angelika in so manchem Jahr für zwei, drei Wochen nach Jerusalem. Von dort aus gab es auch allerhand zu berichten über das Spannungsfeld zwischen Israel und dem pan-arabischen Nationalismus. Die Anreise verlief meistens von Kairo mit dem Flugzeug nach Beirut; von dort als Passagiere in Sammel-Taxen über Damaskus, Amman nach Jerusalem-Ost, zu jener Zeit ein Teil des Königreichs Jordanien. Im Juni 2007 wird es 40 Jahre her sein, dass dieser politisch-geographische Zustand sein Ende fand.

Heute Vormittag ist noch Sabbat, also keine Zeitung. Aber Deutsche Welle und die BBC hatten die frohe Botschaft schon gestern spätabends verkündet: Israels Ministerpräsident Ehud Olmert und Palästinas Autonomie-Präsident Machmud Abbas haben sich getroffen. Die israelische Seite hat allerhand Erleichterungen für die palästinensische Seite versprochen. Offen bleibt allerdings, wann die Versprechen ausgeführt und wem sie vor allem zugute kommen werden. Dem ganzen palästinensischen Volk in Gaza und dem besetzten Westjordanland, auch wenn es vorwiegend Hamas gewählt hat? Oder nur den Teilen des Regierungs- und Verwaltungsapparates und der Fatah, also den Kräften, die auf das Kommando von Machmud Abbas hören? Diese Frage bleibt vorerst ungeklärt. Aber das Treffen als solches nährt schon den Optimismus der Beobachter. So begibt man sich am „Heiligabend“ - es ist noch Vormittag – bei strahlendem Sonnenschein beschwingt auf den Weg nach Bethlehem. Auch wenn der Fahrpreis das Dreifache des üblichen beträgt, drückt das kaum die gute Stimmung. Der Wagen hat die grüne Nummer, der Fahrer folglich die Erlaubnis, mit privilegierten Passagieren ohne schärfste Untersuchung in das palästinensische Autonomiegebiet einzufahren. Er kennt zudem die Lücke, die bei Bet Jala noch in der israelischen Sperrmauer klafft. Abfahrt aus Jerusalem um 10 Uhr 30; Ankunft in Bethlehem um 11 Uhr. Es sind ja nur knapp 10 km zurückzulegen. Zurück, so beschließen Edith und ich, werden wir durch den israelischen Haupt-Checkpoint für Bethlehem gehen, durch das Nadelöhr, durch das sich an Werktagen einige hundert Palästinenser im oft stundenlang dauernden Verfahren quetschen müssen. Man muss das ja mal live erleben...

Zunächst erleben wir ein harmloses bis fröhliches Gedränge in Bethlehem. Das Taxi bleibt etwa drei Kilometer entfernt vom Zentrum stecken, wird von palästinensischer Polizei zurückgewiesen. Jetzt geht es nur noch zu Fuß voran. Es ist nahezu Mittag, und Weihnachten hat in Bethlehem begonnen. Die Pfadfinder, die Jugend der Sportvereine, die Schülerinnen und Schüler der Oberschulen haben sich formiert, ziehen mit Fanfaren, Trommeln und Pauken, einige auch mit Dudelsäcken, durch die Straßen und Gassen des alten Stadtkerns. Tausende einheimischer Zaungäste aus der Enklave Beit Jala, Beit Sahour, Bethlehem, dazu rund 3.500 ausländische Besucher (wie die Presse kurz nach Weihnachten meldet), haben sich eingefunden. Im Laufe des Nachmittags werden noch über 10.000 Menschen von Jerusalem aus anreisen. Ein Sprecher der israelischen Streitkräfte erklärt, es habe sich überwiegend um arabische Christen gehandelt, die in Israel leben. Sie alle wollen am Abend den Einzug des Lateinischen Patriarchen Michael Sabbah und seine Predigt in der Geburtskirche erleben. Das Gotteshaus kann aber nur einige hundert Menschen aufnehmen. Die Masse Mensch lauscht der Predigt über Lautsprecher draußen, ebenso wie Präsident Machmud Abbas, der per Hubschrauber angereist ist.



Wir haben die Hauptaufgabe schon am Nachmittag erledigt und gelangen um 17 Uhr zum Checkpoint. Zur israelischen Sperrmauer, im Bau seit 2004, führt im Zickzack ein vergitterter Weg. Der bewaffnete Posten am Ende des Gitterweges, ein junger Soldat, gewährt Durchlass nach einem kurzen Blick in die Pässe der beiden Fremden. Das war einfach, denkt man. Denkste! Nun liegt vor einem erst ein leeres Feld, das Niemandsland gewissermaßen. Schließlich finden wir auch den Zugang zur eigentlichen Sicherheitsschleuse. Dort herrscht Gedränge. 30 bis 40 Palästinenser, Frauen, Säuglinge, Kinder, Männer, stauen sich vor einer großen Drehtür. In gewissen Abständen gelangen bis zu fünf Personen in den hohen Betonkasten, der ohne Decke und nur mit einem Stahlnetz abgedeckt ist. Von einer Galerie aus beobachten Soldaten die Menschen unten, die ihre Habseligkeiten und Jacken auf ein Laufband legen, das zum Röntgengerät führt. Zum Teil entkleidet, gehen die Anwärter auf eine Fahrt nach Jerusalem durch den Kontrollbogen. Bei wem er quietscht, der muss zurück vor den Bogen. Ein älterer Mann legt zunächst den Gürtel ab und zieht mit großer Mühe die Schuhe aus. Es quietscht immer noch. Er legt die Uhr ab und zerrt den Ehering vom Finger. Als es wiedrum quietscht, wird der Betroffene beiseite zur Leibesvisitation genommen. Der Fall hat den Ablauf um etwa zehn Minuter verlangsamt. Draußen vor dem Drehkreuz bleibt der Stau von 30 bis 40 Personen, denn es kommen ja ständig neue dazu. Unter den Wartenden gibt es auch Deutsche. Sie diskutieren darüber, ob etwa 1980 der Übergang Friedrichstraße von West-Berlin nach Berlin, Hauptstadt der DDR, menschenwürdiger als dieser hier gewesen sei. Ehe wir die Schlussfolgerung hören können, werden wir per Lautsprecher vor das Panzerglas kommandiert, hinter dem junge Frauen und Männer von der israelischen Sicherheit sitzen. Wieder halten wir unsere Euro-Pässe hoch und werden ohne Weiteres durchgewunken. Leicht verlegen, ja beschämt drängen wir uns am Ausgang Richtung Jerusalem durch die Wartenden, die den umgekehrten Weg gehen wollen. Wir, die Privilegierten. Die wartenden Palästinenser sind aber auch privilegiert, denn sie haben schon einen Ausweis, der ihnen den Übergang von Bethlehem nach Jerusalem gestattet. Hätten sie den nicht, wie die meisten ihrer Landsleute, dann brauchten sie gar nicht erst (manchmal stundenlang) vor der Sicherheitsschleuse zu warten.



Montag, 25. Dezember 06

Heute Umzug aus Jerusalem in die Enklave Bethlehem/Beit Sahour für die nächsten drei Tage und Nächte. Wir wollen „unserem“ Projekt, dem Neubau eines Krankenhauses neben der seit 18 Jahren bestehenden Ambulanz in Beit Sahour, nahe sein. Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Freunden und ihren Familien, die man 2004 zuletzt gesehen hatte. Die Wiedersehensfreude mildert ein wenig das Bedauern, das alte aber sehr gepflegte Lutherische Gästehaus im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt verlassen zu müssen. Wieder wird ein Taxifahrer mit israelischem Ausweis und grüner Autonummer gefunden, der uns bis in die Enklave bringen kann. Diesmal geht die Einfahrt in das Autonomiegebiet über einen Kontrollposten für Privilegierte. Allerdings hat der Fahrer einen Namen, der ihn als Anhänger des islamischen Glaubens ausweist. Was er als Moslem denn zu Weihnachten in Bethlehem wolle, wird der Fahrer befragt. Er werde doch nur die beiden Passagiere, die beiden Christen dort auf dem Rücksitz, in Bethlehem abliefern. Wir wedeln mit unseren Euro-Pässen. Passieren! Unbehelligt erreichen wir das Hotel „Zu den Drei Königen“ (das Hirtenfeld ist angeblich ganz nahe) am Rand von Beit Sahour. Rund 15.000 Einwohner zählt der Ort. Noch 75 Prozent der Bevölkerung sollen Christen sein; in Bethlehem selbst überwiegen die Anhänger des Islams schon mit mehr als 50 Prozent.

Am Nachmittag Kaffee-Besuch bei Dr. Majed Nassar und seiner aus den USA stammenden Frau Melanie. Majed, der 1988 als internistischer Facharzt aus Deutschland nach Beit Sahour zurückkehrte und die Ambulanz gründete, kann Weihnachts-Kurzurlaub in seiner Heimatstadt machen. Seit 2005 ist er Exekutiv-Direktor im Hauptquartier der Vereinigung der Gesundheits-Komitees in Ramallah. Zudem praktiziert der Arzt noch mindestens einmal je Woche am Beit Sahour Medizinischen Zentrum, meistens an Sonnabenden. An solchen Tagen bespricht er mit seinem Freund und Nachfolger als Klinikchef, Dr. Raouf Azar, auch die Pläne für den Weiterbau des Krankenhauses und die dann folgende Erweiterung der Ambulanz. Statt mit uns die politische Lage zu diskutieren, berichten Majed und Melanie über den Besuch im November einer Delegation des Vereins für die Städtepartnerschaft Köln-Bethlehem. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Ob sie zum beiderseitigen Nutzen reifen werden, bleibt abzuwarten. Zur Zeit steht alles auf der Kippe, denn Israel und die USA erwarten von Palästinenser-Präsident Machmud Abbas, dass er die Macht der durch Wahlen legitimierten Hamas-Regierung bricht. Das kann in einen palästinensischen Bürgerkrieg einmünden, in dem alle Karten noch einmal neu gemischt werden.

Dienstag, 26.12.06

Heute steht eine Reise über Land an. Edith hat den Wunsch geäußert, Nablus zu sehen. Hin und zurück sind rund 200 km im Westjordanland zu fahren. Es hat sich eine kleine Reisegesellschaft zusammen gefunden. Die Mitreisenden sind Bürger der Bundesrepublik Deutschland palästinensischer Herkunft und palästinensische Christen, die wegen Weihnachten eine Reisegenehmigung erhalten haben. Alles also Privilegierte, fast wie wir Original-Deutschen. Es soll sich dann aber bald herausstellen, dass die „Halb-Deutschen“ doch nicht so gut dran sind. Nachdem wir die bedrückend dominierende israelische Siedlung Har Homa passiert und das tief eingeschnittene Wadi Nar durchquert haben, stoßen wir auf den ersten Checkpoint mit Personenkontrolle. Ein dunkelhäutiger hagerer israelischer Soldat befragt den Fahrer. Dieser gibt an, deutsche Passagiere zu befördern. Der Israeli fragt nun die Namen der Reisenden ab. Als er zwei der Namen hört, verdüstert sich seine Miene. „Da haben wir doch auch Palästinenser“, bricht es aus ihm heraus. Nun Ausweis und Gesichtskontrolle. Der Soldat spricht jetzt auch arabisch und konzentriert sich auf den jungen N. Dieser studiert zur Zeit Wirtschaftsinformatik in Deutschland und besitzt eine Reise-Sondergenehmigung. Der Soldat droht N. an, ihm die Zähne einzuschlagen, doch N. behält die Nerven, erwidert kein einziges Wort, lässt sich nicht provozieren. Dann greift die mutige Karin ein, erklärt, sie sei die Tante der mitreisenden Palästinenser, die also alle zu einer Familie gehörten. Zögerlich kommt die Zustimmung zur Weiterfahrt. Kaum außer Hörweite, sagt der Fahrer, das sei ein Beduine vom Negev gewesen, den die Israelis angeworben hätten. Die Herkunft erkenne man am Dialekt des Arabischen.

Wir fahren auf der Nationalstraße 60 in Richtung Nablus. Rechts und links gehen immer wieder gesicherte Zubringer zu israelischen Siedlungen ab. Wir lesen Namen wie Ma’ale Levona, Shilo, Yizhar, Itamar und andere mehr. Fast alle „krönen“ die Gipfel von Hügeln, die einen weiten Ausblick gestatten. Es ist seit 1967 ein System von derzeit 121 Siedlungen enstanden. Mit Hilfe ihrer Sicherheitsanlagen zerstückeln sie das Westjordanland zu kleinen und größeren Parzellen. Die Siedlungen bieten über 260.000 Israelis einen meistens recht komfortablen Lebensraum zu mäßigen Preisen. Gerade hat die israelische Regierung – entgegen dem gültigen Völkerrecht und entgegen zahlreicher eigener Versprechungen - den Bau der 122sten Siedlung bewilligt, diesmal im nördlichen Jordantal. Dort sollen Siedler untergebracht werden, die 2005 ihre Plätze im Gaza-Streifen räumen mussten. Andere, schon bestehende Siedlungen werden beträchtlich erweitert. 2006 entstanden so 543 neue Wohneinheiten, die keineswegs nur für arme Vertriebene bestimmt sind. Gerade wohlhabende Zuwanderer aus den USA und Russland sind eingeladen, Luxuswohnungen im Kolonialgebiet zu erwerben.



Dicht vor Nablus ein weiterer israelischer Checkpoint. Was soll das? Hier ist man mitten im Autonomiegebiet; Nablus liegt nicht in Israel und wer Nablus verlässt, berührt auch kein israelisches Gebiet. Warum also müssen die angereisten Fahrzeuge vor dem Checkpoint geparkt werden, die Passagiere zu Fuß durch die Kontrollanlage gehen und können sich erst nach dem Checkpoint von anderen Autos wieder fahren lassen? In der Stadt versucht ein Sprecher der An-Najah National Universität die Antwort zu geben: Reine Schikane, Knebelung wegen des trotzigen Charakters der Stadt, nennt er die israelischen Kontrollmaßnahmen. Fast die Hälfte der über 13.000 Studenten komme täglich aus dem Umland an diese Uni. Die Pendler müssten sich also zweimal je Tag der langwierigen israelischen Kontrollen unterziehen. Oft würden manche von ihnen vier bis fünf Stunden lang in den Warteschlangen stehen, ehe sie in das Stadtgebiet hinein oder wieder heraus kämen. Fakt ist, dass in der rund 100.000 Einwohner zählenden Stadt, früher eine Hochburg des arabischen Nationalismus, schon oft Widerstand gegen die Besatzung geleistet wurde. Ebenso oft gab es israelische Versuche, den Widerstand ein für allemal zu brechen. 2003 wurden sogar Panzer und Kampfhubschrauber eingesetzt. Die leicht bewaffnete palästinensische Polizei ließ sich in Kämpfe mit dem israelischen Militär verwickeln. Seither ist das Polizeihauptquartier in Nablus bis auf die Grundmauern zerstört, sind die Polizisten unbewaffnet, dürfen nicht einmal eine Uniform tragen. Gesetzlosigkeit breite sich in der Stadt aus, sagt der Universitäts-Sprecher.

Leider hat es stark zu regnen begonnen, als die Zeit zur Besichtigung der pittoresken Altstadt von Nablus gekommen ist. Regenschirme sind auf dem Markt billig zu erwerben, doch sie schützen nicht vor nassen Füßen in den zahlreichen Bächen, die in den abschüssigen Gassen dahinsprudeln. Die Temperatur sinkt, Schneeflocken mischen sich mit den dicken Regentropfen. Am Uhrenturm aus osmanischer Zeit muss das Besichtigungsprogramm abgebrochen werden. Es entfällt auch der angekündigte Besuch im Flüchtlingslager Balata am Stadtrand, dem mit 20.000 Bewohnern größten Flüchtlingslager des Westjordanlandes. Schade! Allerdings hatte ich es schon 1956 zum ersten Mal besucht. Damals lebten „nur“ etwa 8000 Menschen in dem Lager, Flüchtlinge oder Vertriebene aus Kern-Israel nach dessen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49. Die jetzige Belegungsstärke ist eine Folge des sogenannten Sechstagekrieges von 1967, jedoch auch der hohen Geburtenrate.

Völlig durchnässt gelangen wir zur Rückfahrt nach Beit Sahur an den israelischen Kontrollposten bei Nablus. Der Stau vor der Sicherheitsschleuse lässt uns noch einige Minuten im Regen stehen. Dann können wir, legitimiert durch ausländische Papiere, beklommen an der wartenden Menge vorüber ziehen.

Mittwoch, 27.12.06

Um 12 Uhr im Beit Sahour Medical Center mit Dr. med Raouf Azar verabredet, dem Direktor der Klinik und des Krankenhaus Neubaus. Für Edith und mich ist das eine Premiere. Wir hatten zwar zu Ostern 1994 Dr.Majed Nassar getroffen, dem die Gründung und der stetige Ausbau der Klinik zu verdanken war, doch seinen späteren Stellvertreter Raouf Azar konnten wir damals noch nicht treffen. Heute also werden wir ein Gespräch mit Raouf führen, der seit rund einem Jahr in Beit Sahour die Verantwortung trägt.

Raouf Azar ist 1964 in Bethlehem geboren, wohin die Eltern 1948 als Flüchtlinge aus Israel gelangt waren, der Vater aus Jaffa, die Mutter aus Nazareth. Raouf konnte ab 1982 das Studienkolleg, ab 1984 die Universität in München besuchen. 1990 schloss er das Medizinstudium in München ab und ging als Arzt im Praktikum zum Zentralklinikum in Augsburg. In München an der Maximilian-Universität promoviert, endete die Ausbildung zum Facharzt (Urologie) 1997. Im gleichen Jahr kehrte Raouf Azar in seine Heimat zurück. Da er seinen Wohnsitz in Beit Safafa hatte und noch hat, ist er israelischer Staatsbürger. Beit Safafa, obschon dicht bei Bethlehem, wurde dem Großraum Jerusalem zugeordnet. „Ich bin israelischer Staatsbürger zweiter Klasse“, sagt Raouf leicht bitter-ironisch. Immerhin bringt ihm das aber eine wesentlich größere Bewegungsfreiheit als Majed Nassar sie hat. Majed wird seit etlichen Jahren von Israel daran gehindert, Einladungen nach Deutschland wahrzunehmen.

Dr. Raouf Azar hat für 2007 ein ehrgeiziges Programm. Er hofft, dass im Sommer des Jahres der Innenausbau im fertigen Teil des neuen Krankenhauses beendet werden kann. Dann soll ein Teil der Klinik in den Neubau umziehen. Die seit fast 19 Jahren bestehende Klinik, das Medical Center, wäre folglich für Patienten zu erweitern und soweit wie möglich zu renovieren. Für den Innenausbau des neuen Hauses, auch für weitere medizinische Geräte, werden noch Mittel benötigt. Dr. Azar arbeitet an einer genauen Bedarfsliste. Andererseits hat das 2006 mit rund 38.000 € ungewöhnlich hohe Spendenaufkommen des deutschen Fördervereins dafür gesorgt, dass die Kostendeckung für den Umzug in den Neubau und die Renovierung des Altbaus vorab gesichert ist. Da letztlich eine dritte Etage auf den Neubau gesetzt werden soll, gelten große Hoffnungen weiterhin Spanien. Es werden dann ja Mittel in Höhe mehrerer hunderttausend € benötigt, und bisher sind solche Beträge nur von der katalanischen Provinzregierung und aus privaten Quellen in Spanien zur Verfügung gestellt worden.

Neben allen Erfolgen gibt es auch immer mal Rückschläge. Wie Karin und Qais Mitri schon im vergangenen Sommer berichteten, fiel 2006 vier Monate lang das Röntengerät der Klinik aus. Die Zahl der Patientenbesuche sank dadurch von 83.000 in 2005 auf rund 77.000 in 2006. Aber es war wohl nicht nur das kaputte Röntgengerät – die finanzielle Notlage vieler Menschen im Einzugsgebiet von Beit Sahour zwang sie dazu, auf Behandlung zu verzichten. Sowieso sind 10 bis 15 Prozent der Patienten so bedürftig, dass man sie ohne oder zu stark verringerter Bezahlung versorgen muss. Dr. Azar schätzt die dadurch entstehenden Lasten auf einen Geldwert von etwa 80.000 € je Jahr. Dennoch wird das Behandlungsspektrum ständig erweitert, um die Bevölkerung von der ihnen verweigerten medizinischen Versorgung in Jerusalem unabhängig zu machen. Inzwischen arbeiten tageweise 36 Fachärzte am Medical Center. Die jüngste Errungenschaft ist ein Facharzt der Lungenheilkunde, ein Palästinenser mit israelischem Pass, vor einiger Zeit vom Studium in Hamburg zurückgekehrt.

Donnerstag, 28.12.06

Für heute ist unsere Abreise aus Beit Sahour vorgesehen. Den Vormittag widmen wir noch der Sperrmauer, die der großen Mehrheit aller Bewohner von Bethlehem und Beit Sahour den freien Zugang nach Jerusalem verwehrt. Im Stadtbereich ist das Monstrum aus mächtigen Betonplatten konstruiert, die sich acht Meter über das Bodenniveau erheben. In regelmäßigen Abständen wird die Mauer noch von Wachtürmen überragt. Beobachtungsfenster und Schießscharten sind so verblendet, dass man nicht erkennen kann, ob die Türme bemannt sind. Ortskundige meinen, in allen Türmen wachten ständig israelische Soldaten. Was für ein Aufwand! Und es gibt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man im Schatten eines solchen Turmes die vielen Graffitis an der Mauer fotografiert. Immer häufiger schweift der Blick zum Beobachtungsposten hinauf. Big Brother ist watching you! Doch man sieht nichts. Acht Meter Mauerhöhe ist übrigens den Besatzern noch nicht genug. Es sind metallene Bügel auf die Mauerkrone montiert worden, die mit einem ca. ein Meter hohen Stacheldrahtwulst bewehrt werden.



Freitag, 29.12.2006

Wieder in Jerusalem, wieder im Lutherischen Gästehaus. Bald beginnt der Sabbat. Die Orthodoxen Christen werden noch bis zum 6. Januar in Weihnachtsstimmung sein. Außerdem beginnt am Samstag auch das islamische Opferfest nach der Pilgerzeit. Im Suq (Markt) drängen sich schon die Volksmassen, um für das Fest einzukaufen. Da ist gründliche Zeitungslektüre statt Ausgang angesagt. Ein Zeitungsbericht verstört den Leser. Die Jerusalem Post schreibt, Israel habe es den Ägyptern gestattet, 2000 automatische Gewehre und eine Million Schuss Munition an die Präsidentschaftsgarde Machmud Abbas’ zu liefern. Hier handelt es sich anscheinend um den Versuch, die vom Volk abgewählte Fatah gegen die islamistische Hamas aufzurüsten. Werden die militanten Kräfte der Palästinenser sich in einen Bürgerkrieg hinein manövrieren lassen? Das wäre das letzte!

Unser Mitreisender aus Köln hat erkundet, wo in West-Jerusalem an diesem – wie an jedem Freitag seit zehn Jahren - die „Frauen in Schwarz“ gegen Gewalt und Willkür demonstrieren. Pünktlich um 13 Uhr versammelt sich ein Dutzend Frauen, junge und ältere, auf ihrem gewohnten Platz. „end the occupation“, Beendet die Besetzung, lautet ihr heutiges Motto. Der Mitreisende und Edith nehmen je ein Plakat und stellen sich zu den Demonstrantinnen. Ich hege Bedenken. Die Polizei könnte diese Teilnahme von Ausländern als unerwünschte Einmischung betrachten. Die israelische Polizei interessiert das nicht. Die blau Uniformierten stehen dabei und beobachten die Szene, vielleicht für den Fall, dass es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Anhängern verschiedener Meinungen kommen sollte. Gleichmütig bleiben die Polizisten selbst in dem Augenblick, da ein Soldat neben eine junge Frau tritt, ihr den Arm um die Schulter legt und so samt dem Schild „end the occupation“ fotografiert wird. Eine der älteren Frauen, eine vor 20 Jahren aus den USA zugewanderte Jüdin, befragt mich, was ich von einem Aufruf zum Wirtschaftsboykott Israels wegen der Besatzungspolitik halte. Ich sage ihr, einem solchen Aufruf sei in Deutschland keine Chance einzuräumen.



In der heutigen Jerusalem Post ist auch zu lesen, was die fortdauernde Besetzung jährlich an Opfern fordert. Sie berichtet, gestützt auf Informationen von B’Tselem, der Menschenrechtsorganisation in Israel, in 2006 habe die israelische Armee 660 Palästinenser getötet, während Palästinenser 23 Israelis umgebracht hätten. Unter den getöten Palästinensern wären 141 Minderjährige gewesen, 322 hätten zum Zeitpunkt ihres Todes nicht an feindseligen Akten teilgenommen. Unter den getöteten Israelis hätten sich 16 erwachsene Zivilisten, ein Minderjähriger und sechs Soldaten befunden.

Samstag 30.12.06

Mittags Aufbruch nach Tel Aviv zum Rückflug nach Düsseldorf. Mildes Wetter bei strahlend blauem Himmel, zum Sabbat wenig Verkehr, ein geschwätziger christlich-arabischer Taxifahrer und ein zu den Feiertagen ausgedünntes Sicherheitspersonal. Noch nie ist man so entspannt von Tel Aviv abgeflogen wie heute.

Freitag, 19.01. 07

Nachtrag zur Eintragung vom 26.12.06. Die am zweiten Weihnachtstag angekündigte Neugründung einer israelischen Siedlung im Westjordanland wird von Verteidigungsminister Amir Peretz heute wieder abgesagt. Die Europäische Union und die USA hatten das Vorhaben kritisiert. Es passte so gar nicht in das Vorhaben, dem zur Kooperation bereiten Palästinenser-Präsidenten Machmud Abbas Rückendeckung zu geben. Amir Peretz jetzt Beifall für die Absage zu spenden, wäre allerdings verfrüht. Er will, wie es in der Meldung heißt, „die Angelegenheit abermals erwägen“. Er kann auf das Bauvorhaben jederzeit zurückkommen, sollte Abbas die politische Entwicklung im besetzten Gebiet nicht in die gewünschte Richtung drängen können.

Nachtrag 22. Februar 2007:

Die israelische Friedensgruppe Peace now gibt zur jüngsten Bautätigkeit in israelischen Siedlungen im Westjordanland bekannt, es handele sich um ein fünfprozentiges Wachstum der jüdischen Siedlerbevölkerung. Im Westjordanland seien jetzt 268 000 Juden angesiedelt. Zudem würden zur Zeit 3000 neue Wohnungen in den jüdischen Siedlungen gebaut. Dies verhindere die Schaffung eines „lebensfähigen zusammenhängenden“ palästinensischen Staates. Israel reagiere mit dem Neubau von Wohnungen lediglich auf das „natürliche Wachstum“ von Geburten und den Zuzug von Bewohnern, ließ dazu das Büro des Ministerpräsidenten Olmert verlauten.

Nachtrag 26. Februar 2007:

Nach einem zweitägigen Militäreinsatz in der palästinensischen Stadt Nablus habe die israelische Armee heute Abend mit einem schrittweisen Abzug begonnen, melden die Medien. Sofort werden Erinnerungen an den 26. Dezember vorigen Jahres wach, an dem wir Nablus besuchten. Hatte nicht der Sprecher der An-Najah National Universität uns von immer wieder kehrenden Razzien des israelischen Militärs berichtet? War man nicht etwas skeptisch gewesen, als von nächtlichen Hausdurchsuchungen die Rede war, bei denen hunderte von Männern, manchmal auch Frauen, auf die Straßen getrieben wurden, um verhört zu werden? Genauso scheint es diesesmal dort zugegangen zu sein, wenn man den Berichten der Medien glauben darf. Sie kamen in gepanzerten Fahrzeugen, begleitet von Bulldozern, rissen Straßen auf, verschossen Blend- und Tränengasgranaten, verhängten eine Ausgangssperre, durchsuchten Häuser, nahmen mehr als 30 junge Männer fest. Welch ein Glück, dass soetwas nicht am letzten 26. Dezember stattgefunden hat! Oder wäre es vielleicht doch gut gewesen, einmal Augenzeuge zu sein, wenn „Israel sein Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nimmt“?

Nachtrag 2. März 2007:

Die Meldung vom letzten Montag, das israelische Militär habe mit dem Abzug aus Nablus begonnen, war wohl nur ein Trick. Wahrscheinlich wollte man abgetauchte „Extremisten“ aus ihren Verstecken locken, um noch einmal zuschlagen zu können. Jedenfalls rückten knapp 24 Stunden nach Beginn des Abzugs die Israelis mit rund 100 Militärfahrzeugen in die zweitgrößte Stadt des Westjordanlandes wieder ein. Die Altstadt von Nablus wurde abermals blockiert, zahlreiche Häuser wurden durchsucht, verdächtige Personen festgenommen. Auch in Tubas bei Jenin habe die israelische Armee mehrere Palästinenser verhaftet, melden die Medien. Am Mittwoch waren bei einem Einsatz in Jenin drei Mitglieder der radikalen Gruppe Islamischer Jihad getötet worden. Am Donnerstagabend scheint dann die seit langem größte Razzia im besetzten Westjordanland wirklich beendet worden zu sein. In der Nacht zum Freitag (2. März) wurden die Palästinensergebiet aus Sicherheitsgründen für die Zeit des jüdischen Purimfestes bis zum 5. März vollständig abgesperrt. Palästinenser dürfen nur noch in Ausnahmefällen durch die Sperranlagen nach Israel.

Peter Wald