Zurück zum Nahen Osten.

Ab 1956 als Journalist auf die arabischen Länder spezialisiert, versuchte ich anfangs den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auszublenden. Ich half mir damit, „das Große und Ganze“, die sozio-ökonomische Entwicklung in Ländern wie Ägypten und Syrien, wo ich Ansätze für eine neue Form von Sozialismus zu erkennen glaubte, für viel wichtiger zu halten. Schließlich musste ich aber einsehen, dass der „Palästina-Konflikt“ (heute schon über 80 Jahre alt) eine ganz eigene Dynamik erlangt hatte. Es wurde mir klar, dass ohne eine friedliche und beiden Seiten genügende Lösung der Nahe Osten nicht zur Ruhe kommen würde. Zuviel auswärtige Kräfte und Mächte nutzten und nutzen weiter den Konflikt, um ihre eigenen Interessen in jener Region zu fördern. Er bietet sogar die Möglichkeit, neo-imperialistische Bestrebungen auf der ölreichen Arabischen Halbinsel zu verfolgen und gleichzeitig zu tarnen. Den arabischen Regimen aber dient er als Vorwand, die unbedingt notwendige Modernisierung dort abzublocken, wo Modernisierung dem eigenen Machtmonopol gefährlich werden könnte. Die Leidtragenden sind vor allem einige Millionen Palästinenser, die in den israelisch besetzten Gebieten oder in Flüchtlingslagern rund um Israel/Palästina eingeengt, wirtschaftlich geknebelt, psychisch gedemütigt leben müssen. Beklagenswerte Opfer sind auch die israelischen Toten, Verwundeten und deren Angehörige, die vom Terror erreicht wurden, den das Elend der Palästinenser auslöste.

Das Beit Sahour Medical CenterFaltblatt

In den letzten Jahren habe ich mich kaum noch in Wort oder Schrift zum „Palästina-Konflikt“ geäußert. „Es ist alles gesagt – aber es nützt nichts“, lautet meine These. Seither scheint es mir und Edith, meiner Frau, wichtiger zu sein, dort zu helfen, wo Hilfe überschaubar ist und gleichzeitig Selbsthilfe der Empfänger auslöst. 1994 entdeckten wir während einer Palästina-Reise in Beit Sahour eine Klinik für ambulante Patienten.

2003 wurde ich Vorsitzender eines Fördervereins, der in Deutschland Geld für den weiteren Ausbau des Beit Sahour Medizinischen Zentrums sammelt. Im April/Mai 2004 bin ich wieder in Beit Sahour gewesen, um mich über den Fortgang der Arbeit zu informieren.
Von Jerusalem-Altstadt nach Bethlehem sind es gerade mal 7 oder 8 Kilometer in Richtung Süden, je nach dem Ausgangspunkt. Der Ort Beit Jala grenzt im Westen, Beit Sahour im Südosten an Bethlehem. In guten Zeiten war man innerhalb von 20 Minuten mit dem Autobus, in 15 Minuten mit dem Sammeltaxi am Stadtrand von Bethlehem. Aber die guten Zeiten sind lange vorbei.
Beit Jala, Beit Sahour, Bethlehem wurden 1995 von der israelischen Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde zur Eigenverwaltung übergeben. Die seither verstrichenen Jahre haben aber den über 50.000 Menschen im gemeinsamen Stadtgebiet und weiteren 10.000 der Umgebung keinerlei Aufschwung, keine Erleichterung ihrer äußerst schwierigen Lebensverhältnisse gebracht. Im Gegenteil, seit dem Ausbruch des zweiten Aufstands der Palästinenser (Herbst 2000) gegen die Besetzung drangen Truppen der Besatzungsmacht immer wieder in Bethlehem ein, hielten es wochenlang unter Ausgangssperre, beschlagnahmten mehr Land zur Sicherung der nach dem Völkerrecht illegalen israelischen Siedlungen. Militär schloss die Grenze und verhinderte, dass die Menschen nach Israel gehen, um dort Arbeit oder auch nur bei Krankheit Hilfe zu suchen.
Die Folgen: der Tourismus, dem die Region 60 Prozent ihres Einkommens zu verdanken hatte, liegt völlig darnieder. 80 Prozent der Erwerbsfähigen sind ohne Arbeit. Tausende von Kranken und viele werdende Mütter gelangten nicht mehr zur qualifizierten Behandlung nach Jerusalem.

 



(Dr. Majed Nassar mit einem Mitglied des Fördervereins auf der Baustelle des Krankenhauses.)

Als der Arzt Dr. Majed Nassar (er hatte viele Jahre lang in Deutschland studiert) 1987 nach Beit Sahour heimkehrte, waren „zu Haus“ die Verhältnisse wenig besser als heute. Damals tobte die erste Intifada (1987-1991), der palästinensische Aufstand gegen die damals schon 20 Jahre lang anhaltende Besetzung Rest-Palästinas durch Israel. Abriegelungen, Ausgangssperren, schwere Repressionen des israelischen Militärs hatten auch in Bethlehem-Beit Jala-Beit Sahour fast jegliche Wirtschaftstätigkeit zusammenbrechen lassen. Unter solchen Umständen gründete Dr. Majed Nassar im September 1988 in Beit Sahour eine medizinische Ambulanz. Dieser Akt zur Selbsthilfe wurde trotz aller Behinderungen und Rückschläge zu einer wahren Erfolgsgeschichte.
Aus der kleinen Station Beit Sahour Medical Center entwickelte sich bis heute fast ein Krankenhaus; der Rohbau einer Klinik für die stationäre Unterbringung wächst neben der Ambulanz heran.
Die von Dr. Majed Nassar 1988 eingeleitete Selbsthilfe hätte aber keine Erfolgsgeschichte werden können, wenn nicht zahlreiche Menschen in aller Welt, darunter in Deutschland, zur Mithilfe bereit gewesen wären. In Deutschland wurde der „Förderverein Beit Sahour Medical Center“ am 20.März 1992 gegründet. In den nunmehr elf Jahren seines Bestehens vermochte der Verein über 100.000 DM dem medizinischen Zentrum in Beit Sahour zuzuführen.
Neben dem laufenden Betrieb wurde so auch der Ausbau unterstützt, sodass je Jahr über 60.000 Behandlungen vorgenommen werden können.
Rund ein Jahr nach meiner Wahl zum Vorsitzenden des Fördervereins Medizinisches Zentrum Beit Sahour unternahm ich eine selbstfinanzierte Reise nach Jerusalem, um mich über den Stand der Erweiterungsarbeiten zu informieren. Nach dieser Reise vom 23. April bis zum 3. Mai 2004 schrieb ich an die Mitglieder und Spender des Vereins einen Brief, der hier auszugsweise wiedergegeben ist:



Dr. Majed Nassar

„Mir blieben von den acht Tagen vor Ort nur zwei für Besuche in Beit Sahour. Von Montag dem 26. April bis einschließlich Samstag dem 1. Mai herrschte in der Stadt ein durch das israelische Militär verhängtes Ausgangsverbot. Ein Grund für diese harsche Maßnahme, die dem direkt benachbarten Bethlehem erspart blieb, war nicht genannt worden und war auch nicht erkennbar.
Um von Jerusalem nach Betlehem/Beit Sahour zu fahren, darf der Sonntag als Vorzugstag gelten. Schließlich ist es der 7. Tag der Woche eines christlichen Kalenders...So erschien es auch am schwer armierten „checkpoint“ des israelischen Militärs kurz vor Bethlehem einleuchtend, dass einige wenige Touristen zur Geburtskirche strebten. Also „Vorzugskontrolle“ für den Ausländer, der doch mit Herzklopfen an so vielen Ge-wehrmündungen vorbei ging. In Beit Sahour fand ich aber Dr. Majed Nassar nicht in Sonntagruhe vor, sondern auf der Baustelle des künftigen Krankenhauses. Ein Ingenieur führt die Bauaufsicht – doch der Arzt muss fast alle Freizeit aufwenden, um das Projekt voranzubringen...
Ich konnte Dr. Nassar 8000 € übergeben, die seit Mitte vorigen Jahres auf dem Spendenkonto eingegangen waren. 5000 € hatten wir im Juli 2003 dem MZ zukommen lassen können. Es sind mithin innerhalb von 14 Monaten 13 000 € in das von uns geförderte Objekt geflossen, die ihr, die Sie gespendet habt/haben. Ein schöner Erfolg für unseren kleinen Verein...
Dr. Majed Nassar ist überaus dankbar, und zwar nicht allein für das Geld, sondern auch für die den hart bedrängten Menschen in Beit Sahour gezeigte Sympathie.“
Zum Weiterbau des Krankenhauses neben der Ambulanz schrieb ich: „Fertiggestellt ist das Kellergeschoss, in dem Maschinen, Aggregate, die Lagerräume für Geräte, Material, Medikamente und Nahrungsmittel untergebracht werden sollen. Bald fertig sein wird der Rohbau des Erdgeschosses, dessen Decke demnächst gegossen wird...
Dieses Erdgeschoss ist für den Empfang, die Patientenaufnahme, überhaupt die Verwaltung des Krankenhauses vorgesehen. Ganz fertiggestellt, sogar schon eingerichtet, ist in einem Seitenteil des Rohbaus ein Konferenz- und Schulungsraum. Ende 2005 oder Anfang 2006 soll die Einnweihung des Erdgeschosses erfolgen und der Weiterbau der ersten Etage beginnen, die für Behandlungsräume und den Operationssaal vorgesehen ist. Wann dann die vierte Bauphase in Angriff genommen werden kann, hängt vom Zufluss weiterer finanzieller Mittel und nicht zuletzt auch vom weiteren Gang der Ereignisse im Westjordanland ab.“


Spendenkonto
des Förderveins Medizinisches Zentrum Beit Sahour:
Konto Nr. 44500200
bei der Volksbank Hoya – BLZ 25663584


Modell der Klinik